Emotionen im Trading gelten als Feind — schuld an Blackouts, Overtrading und impulsiven Trades. Doch was, wenn sie kein Gegner sind, sondern ein Team, das für Dich spielen kann? Wie Du Deine Emotionen vom Gegenspieler zum Verbündeten machst.
Zwölf Emotionen, ein Team: jede hat eine Aufgabe im Spiel.Bild: TradeNeon
Stell Dein Team auf.
Kein Trainer der Welt — und vor allem nicht unser neuer Bundestrainer Jürgen Klopp — würde eine Elf ohne Verteidigung aufs Feld schicken. Beim Trading tun viele genau das — sie lassen nur die Emotionen mitspielen, die ihnen gerade passen, und wundern sich dann, dass das Spiel entgleist.
Emotionen sind die treibende Kraft hinter unseren Handlungen — am Bildschirm genauso wie auf dem Platz. Es ist deshalb wenig sinnvoll, nur an der Oberfläche anzusetzen, also am Verhalten, wenn Du Dein „irrationales" Handeln im Trading verändern willst. Der Ansatzpunkt liegt tiefer: bei den Emotionen selbst — und beim Verhältnis zwischen Verstand und Gefühl.
Emotionen: die Energie hinter Deinen Handlungen
Du kennst diesen Moment sicher: Der Trade läuft gegen Dich, der Puls zieht an — und plötzlich ist der Plan, den Du Dir in aller Ruhe zurechtgelegt hast, wie weggeblasen. Du klickst, obwohl Du es besser weißt. Was da passiert, ist kein Charakterfehler. Es ist Biologie — und wenn Du sie verstehst, kannst Du anders damit umgehen.
In Deinem Kopf arbeiten mehrere Netzwerke zusammen. Der präfrontale Cortex (PFC) hilft Dir als ruhiger Stratege, abzuwägen, zu planen und bei der Sache zu bleiben. Netzwerke, die Gefahr und Stress verarbeiten, können eine schnelle Alarmreaktion auslösen.
Unter starkem Stress kann dieses Zusammenspiel aus dem Takt geraten: Die Alarmreaktion gewinnt an Gewicht, während planvolles Abwägen schwerer fällt. Der mediale PFC ist daran beteiligt, wie Dein Körper auf Stress reagiert und Energieressourcen mobilisiert oder begrenzt (McKlveen et al., 2015).
Wird der Stress zu groß — und davon hat das Trading reichlich —, fällt es Dir schwerer, den Plan im Blick zu behalten. Nicht weil Du schwach bist, sondern weil Dein Gehirn auf eine mögliche Bedrohung reagiert. Der Stratege verliert an Einfluss, der Instinkt greift zum Steuer.
Deshalb scheitert auch der Versuch, Emotionen einfach „abzustellen". Das ist, als wollte ein Trainer seine Spieler vom Seitenrand aus per Willenskraft steuern — gegen die Kräfte auf dem Platz kommt er so nicht an. Die gute Nachricht: Es gibt einen besseren Weg, als gegen sie anzubrüllen. Aber dafür müssen wir kurz fragen, wer hier eigentlich gegen wen spielt.
Ist der Verstand das eigentliche Problem?
Emotionen werden oft für Blackouts, OvertradingEs wird zu viel und zu wahllos gehandelt: Statt selektiv nur die besten Gelegenheiten zu traden, springt man in jede noch so kleine — meist mit schlechten Ergebnissen., FOMOFear of Missing Out — die Angst, eine Bewegung oder Gelegenheit zu verpassen. Sie verleitet dazu, überstürzt und ohne Plan in einen Trade einzusteigen., FOBOFear of Better Options — die Angst, dass gleich eine bessere Gelegenheit kommt. Sie führt zu ständigem Zögern und dazu, gute Setups nicht zu handeln., Revenge TradesTrades aus dem Impuls heraus, einen vorherigen Verlust sofort „zurückzuholen". Statt nach Plan wird aus Ärger gehandelt — meist mit erhöhtem Risiko. und andere Fehltritte verantwortlich gemacht. Diese Muster gehören zu den häufigsten Trading-Fehlern — und sie können eine emotionale Wurzel haben.
Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: schuld sind die Emotionen. Das eigentliche Problem liegt aber weder in den Emotionen noch im Verstand, sondern in der Kommunikation zwischen beiden. Es geht um einen Austausch auf Augenhöhe. Aber begegnen wir unseren Emotionen wirklich auf Augenhöhe?
Auch unsere Kultur prägt, wie wir über Gefühle denken und sprechen. Vielleicht kennst Du die Haltung, den Verstand höher zu stellen und auf Emotionen herabzuschauen. Neckel und Pritz (2019) beschreiben Emotionen als Verbindung zwischen Individuum, Kultur und sozialen Strukturen.
Wenn Du den Verstand über die Emotionen setzt, gehst Du als „Verstandsmensch" womöglich ins Kräftemessen mit Deinen eigenen Spielern. Weil Emotionen Dein Verhalten mitbeeinflussen, kann dieser Kampf Deine Entscheidungen unter Druck erschweren.
Wie wäre es mit einem Perspektivwechsel? Wir sind nicht nur unser Verstand, sondern auch unsere Emotionen. Wenn Du lernst, Deine Spieler auf Deine Seite zu holen, statt gegen sie zu spielen, wirst Du stärker als je zuvor — und kannst Dich endlich aufs Trading konzentrieren. Die meisten Trader kämpfen stattdessen gegen sich selbst. Ein Spiel, das niemand gewinnt. Warum nicht die Kraft der Emotionen nutzen, um als Persönlichkeit zu wachsen?
Emotionen und ihre Funktionen verstehen
Betrachte jede Emotion zunächst als Hinweis, der eine Funktion haben kann. Der Schlüssel ist, diese Hinweise zu verstehen und auf Augenhöhe mit Deinen Emotionen zu kommunizieren. Emotionen und Verstand sind keine Gegner, sondern Partner. Das zeigt sich auch in der Neurobiologie: Emotionen und Denken entstehen im Zusammenspiel von Gehirn und Körper. Ihre Netzwerke beeinflussen einander und damit auch unser Handeln.
Doch welche Emotionen beeinflussen unser Handeln überhaupt? Die Forschung ist sich uneinig, wie viele es sind. Paul Ekman beschreibt sieben universelle Emotionsausdrücke: Überraschung, Angst, Ärger, Ekel, Verachtung, Trauer und Freude. Für unser Emotionsteam kommt ein anderes Modell hinzu: Dirk Eilert arbeitet mit zwölf Primäremotionen.
Zu den sieben bei Ekman genannten Emotionen treten in Eilerts Modell Scham, Schuld, Liebe, Stolz und Interesse. Diese zwölf bilden die Aufstellung für unser Bild vom Emotionsteam. Emotionen können Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis und Handeln beeinflussen.
Dein Emotionsteam auf dem Spielfeld
Vergleichen wir diese zwölf Emotionen mit einem Fußballspiel, lassen sie sich in drei Gruppen einteilen — wobei Überraschung als neutrale Zwischenstation fungiert und Stolz als „Trainer an der Seitenlinie" agiert.
- Angst
- Trauer
- Scham
- Schuld
- Interesse
- Freude
- Liebe
- Ärger
- Verachtung
- Ekel
Jürgen Klopp würde nie die Nationalmannschaft ohne Verteidigung oder Sturm aufs Feld schicken. Beim Trading aber tun viele genau das. Vielleicht unterdrückst Du Deine Angst oder Trauer, lebst aber Deinen Ärger aus, weil er Dir ein Gefühl von Selbstwirksamkeit gibt.
Um im Trading handlungsfähig zu bleiben, hilft es, das komplette Emotionsteam im Blick zu haben — alle zwölf Emotionen in Eilerts Modell. Emotionen lassen uns von äußeren Reizen Abstand nehmen, uns annähern oder abwehren. E-motion = Gemütsbewegung: Deine individuelle Art, auf die Dinge zu reagieren.
Führen wir uns eines vor Augen: Trading ist Stress für unser System. Du als Trainer hast die Aufgabe, Dein Emotionsteam aufzustellen und auf das Spiel vorzubereiten. Ohne Taktik verlierst Du — und Deine Spieler machen irgendetwas. Vor allem die, die Du eigentlich nicht auf dem Platz haben willst, die aber trotzdem da sind und die Du nie trainierst. Wenn Du Gefühle dauerhaft wegdrückst, kann der innere Druck wachsen. Dann wird es schwerer, klar zu entscheiden. Das klassische kopflose Handeln kann beginnen — und zu FOMO, FOBO, Revenge Trades und Overtrading führen. Die Liste kennst Du sicher.
Es ist sinnvoller, Dich mit Deinen Emotionen zu verbünden, als zu versuchen, sie zu ignorieren und zu unterdrücken. Ein Trainer, der die halbe Mannschaft auf die Bank verbannt, gewinnt kein Spiel.
So verbündest Du Dich mit Deinen Emotionen
Der erste Schritt besteht darin, Deine Emotionen wahrzunehmen und kennenzulernen. Nimm Dir nach jeder Trading-Session Zeit zum Reflektieren: Welche Emotionen hast Du gefühlt? An welcher Stelle wurde eine so intensiv, dass sie Dein rationales Denken überlagert hat?
Ein hilfreiches Werkzeug dabei ist die Einordnung nach „Hitzegrad" — von „heiß" bis „kalt". Diese Einteilung hilft Dir zu verstehen, wann eine Emotion zu stark wurde und Dein Handeln beeinflusst hat. Indem Du Deine Emotionen anerkennst und trainierst, kannst Du sie für Dein Trading nutzen, statt gegen sie anzukämpfen.
Trading ist Stress für unser System. Du als Trainer Deines Emotionsteams hast die Aufgabe, Deine Emotionen zu verstehen, sie anzunehmen und ihre Energie zu nutzen. Lerne, auf Augenhöhe mit ihnen zu kommunizieren — und Du wirst merken, dass emotionale Intelligenz im Trading ein echter Vorteil sein kann.
Das ist keine zusätzliche Last, die Du Dir aufbürdest. Es ist eher das Gegenteil: Wer aufhört, gegen sich selbst zu spielen, tradet leichter — nicht verbissener.
Denn jede Emotion kann eine Funktion haben. Angst kann auf Sicherheit hinweisen, Ärger auf eine Grenze. Manchmal hilft es, eine Emotion zu regulieren, manchmal, ihr Raum zu geben. Entscheidend ist der Kontext, in dem sie auftaucht.
Nimm den ersten Schritt und sage „Hallo" zu Deinen Emotionen. Sei neugierig, was sie Dir zu sagen haben, und nutze ihre Kraft, um Dein Trading auf das nächste Level zu heben.
Schön, dass Du hier bist.
Marnie
Sind Emotionen beim Trading ein Nachteil?
Nein. Emotionen sind die Energie hinter jeder Entscheidung. Wer sie dauerhaft unterdrückt, übersieht womöglich wichtige Informationen. Der Vorteil entsteht, wenn Du lernst, sie wahrzunehmen und zu nutzen, statt gegen sie anzukämpfen.
Kann man Emotionen beim Trading kontrollieren?
Direkt abschalten lassen sie sich nicht — unter starkem Stress kann planvolles Abwägen schwerer fallen. Statt Kontrolle hilft Kommunikation auf Augenhöhe: Emotionen wahrnehmen, einordnen und ihre Energie gezielt einsetzen.
Was ist mit dem Emotionsteam gemeint?
Ein Bild für die zwölf Primäremotionen in Dirk Eilerts Modell, die Dein Erleben mitprägen. Wie eine Mannschaft brauchst Du Zugriff auf alle Positionen — Defensive, Mittelfeld und Sturm — statt nur einzelne Emotionen auszuleben und andere zu unterdrücken.
Wie reflektiere ich meine Emotionen nach dem Trading?
Nimm Dir nach jeder Session Zeit: Welche Emotionen waren da, und an welcher Stelle wurde eine so intensiv, dass sie Dein rationales Denken überlagert hat? Die Einordnung nach Hitzegrad — von heiß bis kalt — hilft Dir zu erkennen, wann eine Emotion zu stark wurde.

