Das Wichtigste vorweg

Es gibt zwei Arten von Bauchgefühl: den Glauben, einen Chart nach wenigen Wochen lesen zu können, den es im Trading zu vermeiden gilt, und die Erfahrung aus vielen Stunden am Markt, die besonders im diskretionären Daytrading wichtig ist. Diskretionäres Trading verbindet Marktverständnis und Erfahrung, mechanisches Trading folgt einem festen Regelwerk und braucht Pflege, weil sich sein Vorteil abnutzen kann. Ein gesundes Bauchgefühl entsteht über Jahre, mit Zeit am Markt und ohne den Druck, vom Trading leben zu müssen.

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Zwei Arten von Bauchgefühl

„Trade like a machine“ ist ein bekannter Leitsatz in Foren und Trading-Channels. Der Gedanke dahinter: Wer im Trading Erfolg haben will, muss sich emotionslos verhalten. Wir sind jedoch keine Maschinen, und wer den Leitsatz auf Biegen und Brechen durchsetzen will, bekommt nicht immer das gewünschte Ergebnis.

Bauchgefühl ist nicht gleich Bauchgefühl. Die erste Art ist der Glaube, einen Chart lesen zu können: Wer einen Chart einige Wochen beobachtet, hält sich schnell für fähig, ihn zu lesen und zu wissen, was der Kurs als Nächstes tut. Dass es vielen so geht, zeigt sich in den Gesprächen mit Interessenten an der Ausbildung. Auch bei Anlageentscheidungen heißt es oft, man habe nach Bauchgefühl entschieden, weil der Kurs gefallen sei und die Aktie deshalb günstig wirke.

Ein Kursrückgang allein beweist jedoch keine günstige Bewertung. Kurse fallen auch wegen Marktbewegungen oder politischer Ereignisse, nicht nur wegen des Unternehmens. Ohne Fundamentalanalyse ist der Schluss „Preis gefallen, also günstig“ gefährlich. Diese Form von Bauchgefühl gilt es im Trading unbedingt zu vermeiden. Besonders heikel wird sie, wenn sie am Anfang Glück hat, denn es kann sich lange hinziehen, bis ein einzelner Trade deutlich ins Negative geht.

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Mustererkennung im Daytrading: ein Beispiel am Chart

Die andere Art von Bauchgefühl ist Erfahrung aus vielen Stunden am Markt. Sie ist im Daytrading sehr nützlich, in manchen Disziplinen sogar fast notwendig. Sie heißt MustererkennungDas Wiedererkennen wiederkehrender Muster im Kursverlauf eines Marktes. Oliver nennt es Pattern Recognition. (englisch Pattern Recognition). Gemeint ist damit nicht allein, Flaggen, Dreiecke oder Schulter-Kopf-Schulter-Formationen einzuzeichnen; das ist nur ein Teilbereich. Es geht vor allem um Muster im Kursverlauf des gewählten Marktes, etwa um ein SetupEine Handelssituation, auf die ein Trader gezielt wartet, etwa ein Stoprun an einem Level., das Du immer wieder suchst.

Ein Beispiel am Chart: Mit Levels aus der morgendlichen Analyse wartet der Trader darauf, dass der Markt an ein Level läuft und dort eine Erschöpfung oder einen StoprunDer Kurs läuft durch eine Zone, in der viele Stop-Orders liegen, und löst sie aus. zeigt. Der Markt kommt an das Level herunter und bildet vermutlich einen kleinen Stoprun. Belegen lässt sich das am Chart nicht, denn es standen keine MBO-Daten zur Verfügung. Auch MBO-Daten würden einzelne Orders nur anonym zeigen, nicht, wer handelt.

5-Sekunden-Chart des S&P-500-E-mini-Futures (ES) mit Heatmap des Orderbuchs. Ein rot hinterlegtes horizontales Band um 5.759 bis 5.761 markiert das Level, der Kurs pendelt um dieses Band und fällt mehrmals darunter.
Das rot hinterlegte Band ist das Level. Der erste kleine Rücksetzer unter das Level ist nach Olivers Deutung ein möglicher kleiner Stoprun; danach läuft der Markt noch einmal tiefer in die Liquidität und kommt mit mehr Bewegung zurück. Ab Minute 14:17. Bild: ATAS Deutschland

Merkt ein Trader über die Zeit, dass der Markt nach einem solchen kleinen Setup oft noch einmal ein deutlich stärkeres bildet, etwa indem er in die fehlende Liquidität läuft und mit mehr Initiative zurückkommt, dann springt er beim ersten Mal vielleicht noch nicht in den Trade. Er wartet kurz ab, ob ein klareres Setup folgt, und steigt erst dann ein. Das hat mit einem rein mechanischen Setup nicht mehr viel zu tun. Es beruht auf Erfahrung.

Oliver Sparing hat diese Erfahrung selbst gemacht: Am Anfang überlegte er sich ein Setup, beobachtete es und hielt es für handelbar. Im Demobetrieb bemerkte er dann, dass er zu früh in den Trades war. Besser wurde es, das erste Setup ziehen zu lassen und auf die zweite Berührung zu warten, auch auf die Gefahr hin, dass der Markt davonläuft.

Das Gespür dafür entsteht durch Zeit am Markt. „Ich würde nicht behaupten, ich könnte den Markt lesen oder wüsste, was er als Nächstes tut. Das wäre völlig vermessen“, sagt Oliver Sparing. Wer aber dutzende bis hunderte Stunden mit einem Markt verbringt, merkt sich bestimmte Bewegungen an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten, oft unbewusst. Der Kopf warnt dann, wenn man zu früh oder zu spät einsteigen will. „Das kann nur Erfahrung bringen, nur diese Pattern Recognition, und die ist meiner Meinung nach im Trading sehr, sehr wichtig, gerade im diskretionären Trading“, sagt Oliver.

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Diskretionär oder mechanisch

Im Trading lassen sich zwei große Kategorien unterscheiden: Diskretionäres TradingDer Trader sammelt Informationen aus dem Markt und wertet sie selbst aus, auf Basis von Erfahrung und Marktverständnis. und Mechanisches TradingDer Handel folgt einem festen Regelwerk. Oliver nennt es auch statistisches Trading.. Die Arbeit mit Orderbuch und Heatmap gehört zum diskretionären Trading. In der Marktanalyse wird vorab festgelegt, wo institutionelles Handelsinteresse liegt, und ein Plan gemacht, was an diesen Preisbereichen zu sehen sein soll. Kommt der Kurs dorthin, zeigt die Heatmap, wie die Marktteilnehmer interagieren. Der Trader sammelt dabei objektive Informationen, etwa zu Trend, Volume Profile, Market Profile und Orderflow, und wertet sie subjektiv aus, auf Basis von Erfahrung und Marktverständnis.

Dafür sind zwei Dinge wichtig. Erstens das Marktverständnis: Wer nicht weiß, was die Linien in der Heatmap bedeuten, wie sie entstehen und wer dahintersteht, braucht gar nicht erst anzufangen. Zweitens die Erfahrung. Diesen Begriff kann man im Prinzip genauso gut durch Bauchgefühl ersetzen.

Die Gegenseite ist das mechanische Trading, das einem festen Regelwerk folgt. Die wichtigsten Unterschiede im Überblick:

KriteriumDiskretionärMechanisch
EntscheidungsgrundlageDer Trader sammelt objektive Informationen aus dem Markt und wertet sie subjektiv aus.Der Handel folgt einem festen Regelwerk.
Regeln und ErfahrungDer Plan entsteht vorab in der Marktanalyse, die Auswertung beruht auf Erfahrung und Marktverständnis.Die Regeln nehmen die Emotion ein Stück weit aus dem Handel, doch für Strategien mit einem nachhaltigen EdgeEin statistischer Vorteil einer Strategie. Er kann schwinden, wenn viele Trader dieselbe Idee handeln. braucht es viel Erfahrung.
AufwandSchwerer zu erlernen: Es braucht mehr Intuition und ein breites Marktverständnis.Die Entwicklung kostet viel Zeit und erfordert meist Programmierkenntnisse.
GrenzenOhne Basiswissen über die Märkte ist das Spiel von vornherein verloren.Bei verbreiteten Strategien kann der Vorteil schwinden, wenn viele Trader dieselbe Idee handeln.

„Der große Vorteil im diskretionären Trading ist, dass Deine Strategien sehr viel robuster sind. Du machst Dich von den Algos im Markt unabhängig, im Gegenteil, Du machst sie Dir sogar zunutze und handelst auf der Logik von Angebot und Nachfrage. Das werden immer die Kräfte sein, die die Börse bewegen. Davon bin ich fest überzeugt. Letztlich wird die Börse immer ein Marktplatz für menschliche Händler und menschliche Interessen bleiben, auch in einer Welt mit künstlicher Intelligenz“, sagt Oliver Sparing.

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Warum mechanische Strategien anspruchsvoller geworden sind

Der Handel an den großen Futures-Börsen läuft elektronisch, fast 24 Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Das hat die Börse für private Trader geöffnet und es möglich gemacht, Strategien zu programmieren, die vollständig nach festen Regeln handeln. In den ersten Jahren des elektronischen Handels, bis etwa 2014, war es für private Trader häufig noch leichter, vollmechanische Strategien mit einem Edge zu finden.

Je mehr Trader auf dieselbe Idee kommen, desto eher funktioniert das System nicht mehr, denn der Markt bietet auf jedem Preis nur eine begrenzte Liquidität. Bei verbreiteten Strategien kann der Edge deshalb schwinden. Oliver Sparing hat selbst Algorithmen entwickelt: Ein System lief mitunter nur drei bis sechs Wochen, danach verdiente es kein Geld mehr, und die nächste Strategie musste bereitstehen. Im längerfristigen Bereich ist es leichter, vollmechanische Strategien zu finden. Auch Stand März 2025 lassen sie sich entwickeln, nur mit deutlich mehr Aufwand als früher. Selbst wenn ein System über Wochen oder Monate läuft, kann es sein Ende finden, und dann braucht man neue Ideen in der Hinterhand. Dazu kommt der Aufwand: Die meisten dieser Strategien sind manuell nicht handelbar, Du musst programmieren können oder jemanden haben, der es kann, und Du brauchst ein Gefühl dafür, welche Idee noch Potenzial hat.

Die größten Aussichten für vollmechanische Systeme sieht er heute im Optionshandel (Stand März 2025). Als Stillhalter, also als Verkäufer einer Option, erhält man eine Prämie und verdient auch dann, wenn der Markt seitwärts oder leicht gegen einen läuft. Die Prämie ist die Gegenleistung dafür, dass der Verkäufer das Risiko einer großen Bewegung übernimmt; bei ungedeckt verkauften Calls ist der Verlust theoretisch unbegrenzt, deshalb gehört eine Absicherung dazu. Auch dort gelten dieselben Gesetzmäßigkeiten: Rudimentäre marktneutrale Zero-DTE-Strategien, etwa ein Short Straddle oder Short Strangle zur Eröffnung, funktionierten anfangs gut, seit Mitte 2024 sind sie deutlich schwerer geworden. Deshalb baut er in seinen mechanischen Optionshandel einen kleinen diskretionären Anteil ein.

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Wie ein gesundes Bauchgefühl entsteht

Der erste und wichtigste Weg: sich Zeit nehmen und sich Zeit geben. Wer mit der Vorgabe startet, in einem halben Jahr profitabel sein zu müssen, hat in den allermeisten Fällen ein Problem. Trading sollte nicht der Ausweg aus dem jetzigen Leben sein, etwa weil man im Job unzufrieden ist: „Es ist wichtig, dass für Dich Trading niemals Dein Exit-Plan aus Deinem jetzigen Leben ist, weil das dazu führt, dass Du einen unglaublichen Druck mit in die Sache bringst“, sagt Oliver Sparing. Die psychologische Komponente spielt gerade im Daytrading eine große Rolle. Ein Grundsatz aus dem psychologischen Coaching der Ausbildung lautet: erst die emotionale Freiheit, dann die finanzielle. Wer mit freiem Kopf startet, hat eine realistische Chance. Hauptberufliches Trading ohne finanzielle Stabilität oder ein zweites Standbein ist keine gute Idee, denn es verstärkt diesen Druck.

Daytrading zu lernen ist für die meisten ein langer Weg. Trading ist ein Handwerk und ein Beruf, den man erlernen kann. Wer irgendwann damit Geld verdienen will, braucht Durchhaltevermögen, Ehrgeiz, viel Geduld und Leidenschaft für die Sache. Hat man einen Coach gefunden, dem man vertraut, sollte man sich auf das einlassen, was er vermittelt, und nicht alles mit Videos und früheren Ausbildungen vermischen.

Dann gilt es, viele Stunden mit dem Markt zu verbringen. So baut sich beides auf: das Wissen, auf dem Entscheidungen beruhen, und das Gespür dafür, wie sich der Markt in einem bestimmten Zustand oder zu einer bestimmten Tageszeit üblicherweise verhält. Das bildet sich über Jahre und zu großen Teilen im Unterbewusstsein. Zwei Monate am Markt reichen dafür nicht.

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Was Du aus dem Webinar mitnehmen kannst

  • Bauchgefühl ist nicht gleich Bauchgefühl. Einen Chart nach ein paar Wochen „lesen“ zu können, ist keine Grundlage für Entscheidungen. Erfahrung aus vielen Stunden am Markt dagegen schon.
  • Diskretionäres Trading braucht beides. Marktverständnis liefert das Wissen, Erfahrung das Gespür. Ohne Basiswissen über die Märkte hilft auch Bauchgefühl nicht.
  • Mechanische Strategien brauchen Pflege. Verbreitete Strategien können ihren Vorteil verlieren. Wer mechanisch handelt, braucht neue Ideen in der Hinterhand und viel Zeit für die Entwicklung.
  • Gib Dir Zeit und nimm den Druck heraus. Trading ist kein Exit-Plan aus dem jetzigen Leben. Erfahrung bildet sich über Jahre.

„Der erste und wichtigste Weg ist, sich Zeit zu nehmen und sich vor allem Zeit zu geben.“

Oliver Sparing über den Weg zu einem gesunden Bauchgefühl
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Über das Webinar

Das Webinar lief am 27. März 2025 auf dem YouTube-Kanal von ATAS Deutschland und wurde dort als interaktives Webinar mit Fragen aus dem Chat gehalten. ATAS ist eine Handelsplattform für Order-Flow-Analyse. Oliver ist dort regelmäßig zu Gast; alle Auftritte findest Du auf unserer Seite Zu Gast bei.

Daytrading-Ausbildung
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Häufige Fragen
Ist Bauchgefühl im Daytrading ein Fehler?

Das hängt von der Art ab. Der Glaube, einen Chart nach wenigen Wochen lesen zu können, ist eine Form von Bauchgefühl, die man vermeiden sollte. Erfahrung dagegen, also das Erkennen wiederkehrender Muster nach vielen Stunden am Markt, ist im diskretionären Daytrading sehr wichtig.

Was ist der Unterschied zwischen diskretionärem und mechanischem Trading?

Beim diskretionären Trading sammelst Du Informationen aus dem Markt und wertest sie selbst aus, auf Basis von Marktverständnis und Erfahrung. Beim mechanischen Trading folgt der Handel einem festen Regelwerk.

Können mechanische Strategien ihren Vorteil verlieren?

Das ist möglich, vor allem bei verbreiteten Strategien. Der Markt bietet auf jedem Preis nur begrenzte Liquidität: Kommen viele Trader auf dieselbe Idee, können sie sich die Preise gegenseitig kaputt machen, und das System funktioniert nicht mehr. Mechanische Strategien brauchen deshalb Pflege und neue Ideen in der Hinterhand.

Soll ich Trading als Ausweg aus meinem Job sehen?

Davon ist abzuraten. Wer mit dem Gedanken startet, in wenigen Monaten Ergebnisse liefern zu müssen, bringt Druck in den Handel, und die psychologische Komponente spielt gerade im Daytrading eine große Rolle. Besser ist es, sich Zeit zu geben und nicht ohne finanzielle Stabilität oder ein zweites Standbein hauptberuflich zu starten.

Oliver Sparing
Oliver Sparing
Gründer & Head of Trading · TradeNeon
Oliver Sparing handelt seit 2011 aktiv an den Finanzmärkten. Seine beruflichen Wurzeln liegen im Edelmetallhandel in Hamburg; 2017 lernte er an einem Londoner Trading Floor. Bei TradeNeon leitet er die Daytrading- und die Swingtrading-Ausbildung und verantwortet die fachliche Entwicklung der Trading-Methodik, mit Schwerpunkt auf Orderflow, Marktstruktur und fundamentalen Marktdaten. Daraus sind Level of Interest, Futures Insights und Lab of Trades entstanden. Plattformen wie ATAS, Bookmap und WH SelfInvest laden ihn regelmäßig als Gast ein. Alle Auftritte