Das Wichtigste vorweg

Das Orderbuch kommt zuletzt: Erst legst Du über Deine Marktanalyse die Zone fest, in der Du handeln willst, und schaust auf das Buch, wenn der Markt dort ankommt. Heatmap und DOM sind zwei Werkzeuge für dieselben Daten. Was Du darin siehst, etwa Absorption, bleibt eine Deutung und kein Beweis, denn aus anonymen Orderbuchdaten lässt sich nicht erkennen, wer handelt. Als Raster vor jedem Trade dienen fünf Faktoren: aktive Marktteilnehmer, passive Marktteilnehmer, Markt- und Auktionsgeschwindigkeit, Marktstruktur und Orderflow-Ereignisse.

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Das Video

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Kapitel im Video 20

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Warum das Orderbuch Struktur braucht

Das Orderbuch ist wieder in aller Munde. Früher hatten auch private Anleger kaum Einblick in die Tiefe des Marktes, heute stehen ihnen viele Informationen und Werkzeuge zur Verfügung. Genau das macht den Einstieg schwierig: Was ist relevant, was nicht, worauf soll ich mich konzentrieren?

Moderator Stefan Fröhlich ergänzt, dass ein Ansatz auf einer Logik beruhen und sich wiederholen lassen sollte, ohne zu kompliziert zu werden. Aus dem Support kennt er Plattformen, die mit Linien und Indikatoren vollgepackt sind; da verzettelt man sich schnell. Das Orderbuch selbst ist weniger kompliziert, als es aussieht: Wer das Konzept und die Grundidee verstanden hat, erkennt hinter dem Gewimmel eine Logik.

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Market, Limit und Stop Orders

Wer bewegt überhaupt den Preis? Es gibt zwei grundsätzliche Ordertypen: Mit einer Market OrderEine Order, die sofort zum nächsten verfügbaren Preis ausgeführt wird. Sie wird von einer Limit Order bedient. akzeptierst Du den bestmöglichen verfügbaren Preis. Eine Limit OrderEine Order mit Preislimit: ein Höchstpreis beim Kauf oder ein Mindestpreis beim Verkauf. Sie wartet im Orderbuch, bis eine Market Order sie bedient. ist dagegen ein Gebot: ein Höchstpreis, den Du als Käufer zahlst, oder ein Mindestpreis, den Du als Verkäufer akzeptierst. Dazu kommen Stop OrdersEine Order, die ausgelöst wird, sobald der Stopkurs erreicht ist. Bei einer üblichen Stop Order wird sie dann zur Market Order (nicht bei Stop-Limit-Orders)., die erst bei Erreichen des Stopkurses aktiv werden.

KriteriumMarket OrderLimit OrderStop Order
Was Du festlegstNichts außer der Menge.Einen Höchstpreis beim Kauf oder einen Mindestpreis beim Verkauf.Den Stopkurs.
AusführungSofort zum besten verfügbaren Preis.Erst, wenn eine Market Order sie bedient, unter Umständen gar nicht.Bei Erreichen des Stopkurses wird die übliche Stop Order zur Market Order und nimmt den nächsten verfügbaren Limitpreis im Buch.
Im OrderbuchNicht sichtbar, sie nimmt Liquidität.Liegt sichtbar im Bid oder im Ask.Liegt bis zur Auslösung nicht im öffentlichen Buch und erscheint erst nach Auslösung als Market Order im Handel.

Entscheidend ist das Zusammenspiel: Market Orders werden immer von Limit Orders bedient, und Limit Orders in der Regel von Market Orders. Wer Market kauft, wird von einem Limit-Verkäufer bedient, wer Market verkauft, von einem Limit-Käufer. Stop-Limit-Orders bleiben hier bewusst außen vor.

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Bid und Ask

Das Orderbuch hat zwei Seiten. Der BidDie Kaufseite des Orderbuchs: alle Limit-Kauforders. enthält alle Limit-Kauforders, der AskDie Verkaufsseite des Orderbuchs: alle Limit-Verkaufsorders. Auch Offer genannt. alle Limit-Verkaufsorders. Bid und Ask liegen nie auf demselben Preis, sondern mindestens einen Tick, einen Cent oder einen Pip auseinander. Der höchste gebotene Kaufpreis und der niedrigste verlangte Verkaufspreis müssen sich unterscheiden, weil Limit Orders nicht von Limit Orders bedient werden.

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Das Hochhaus-Bild: Decke und Boden

Wie Preise steigen oder fallen, erklärt das Hochhaus-Bild: Du bist ein Männchen in einem Hochhaus. Willst Du eine Etage höher, was für einen steigenden Preis steht, musst Du Dich durch die Decke bohren. Die Decke sind die Limit-Verkaufsorders im Ask. Willst Du nach unten, bohrst Du Dich durch den Boden, und der besteht aus den Limit-Kauforders im Bid.

Decke und Boden können unterschiedlich dick sein. Liegen im nächsten Preis des Ask 100 Kontrakte und im Bid nur 10, braucht es deutlich mehr Market-Käufe, um den Preis steigen zu lassen, als Market-Verkäufe, um ihn fallen zu lassen. Das Problem für Dich als Trader: Du weißt nie, wie dick die Decke wirklich ist. Wer in der Etage darüber sitzt, kann ein großer institutioneller Marktteilnehmer sein, etwa ein Fonds oder ein großer Hedger. Aus den anonymen Orderbuchdaten lässt sich das allerdings nicht ablesen. Wer auch immer dort sitzt: Während Du Dich mit Deinen Market Orders durch die Decke arbeitest, können immer wieder neue Limit-Verkaufsorders nachgelegt werden und die Decke damit ausbessern.

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Käufer und Verkäufer: aktiv und passiv

Ein verbreitetes Missverständnis, gerade beim Thema DeltaDie Differenz zwischen Market-Käufen und Market-Verkäufen auf einem Preis.: Es kann nie mehr Käufer als Verkäufer geben oder umgekehrt. Zu jedem Geschäft gehören immer zwei Seiten. Sie gehen aber unterschiedlich vor. Aggressive Käufer und Verkäufer eröffnen ihre Orders mit Market Orders, sie akzeptieren den nächstbesten Preis. Passive Marktteilnehmer stellen Limit Orders ins Buch und warten.

Damit der Preis auf den nächsten Kurs springt, muss die gesamte Limit-Order-Menge auf dem aktuellen Preis abgearbeitet werden. Kommt ein aggressiver Käufer mit einer größeren Order, läuft er durch mehrere Preise und kann den Preis weiter steigen lassen. Was im Buch liegt, sieht in einem standardisierten, regulierten Markt wie Futures, Aktien oder Optionen jeder, und jeder sieht dasselbe Handelsvolumen. Nicht sichtbar ist, ob und wie viele institutionelle Teilnehmer im Hintergrund sitzen und wie bereit sie sind, die Decke immer wieder nachzubessern. Damit lässt sich arbeiten, wenn Du weißt, worauf Du achten musst.

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Heatmap und DOM: Werkzeuge statt Lager

Im Webinar stehen zwei visuelle Formen des Orderbuchs nebeneinander: links die HeatmapEine historische Aufzeichnung des Orderbuchs. Je wärmer der Farbton, desto größer die Limit Order auf dem Preis., rechts der klassische DOMDepth of Market, das klassische Orderbuch. Es zeigt in Echtzeit, wie viele Limit Orders auf den einzelnen Preisen liegen. (Depth of Market). In der Tradingwelt bilden sich schnell Lager, Team Heatmap gegen Team Orderbuch oder Team RSI gegen Team MACD, und jeder hält seinen Ansatz für den einzig richtigen. Der Rat lautet: neutral bleiben. Beides sind Werkzeuge zur Datenvisualisierung mit eigenen Stärken, Schwächen und Anwendungsbereichen.

Der DOM zeigt im Grunde dieselben Daten wie die Heatmap, aber auf andere Weise, und man kann ihm andere Informationen entnehmen. Das eine schließt das andere nicht aus, beide Werkzeuge ergänzen sich. Jeder muss für sich entscheiden, womit er besser zurechtkommt oder ob er beide nutzt. Das gilt für alle Konzepte im Trading.

Zweigeteilter Bildschirm: links die Heatmap (Bookmap) des ES-Futures mit Kursverlauf und helleren Linien für größere Limit Orders sowie einem Volumenprofil am rechten Rand, rechts der DOM mit blauer Bid- und roter Ask-Seite und den Kontraktzahlen je Preis.
Sichtbar: links die Heatmap (Bookmap) des ES-Futures (Kontrakt Dezember 2024) mit dem Kursverlauf um 5.780 bis 5.790. Hellere Linien stehen für größere Limit Orders, am rechten Rand liegt ein Volumenprofil. Rechts der DOM mit Bid (blau) und Ask (rot) und den Kontraktzahlen je Preis. Die Einordnung im Webinar: dieselben Daten, einmal als Verlauf über die Zeit, einmal als Momentaufnahme je Preis. Ab Minute 23:40. Bild: WH SelfInvest Deutschland
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Institutionelle Trader und Dark Pools

Wie große Marktteilnehmer mit dem Orderbuch umgehen, zeigt ein Gedankenspiel mit dem Hochhaus-Bild: Ein Händler soll im Laufe des Tages 100.000 Kontrakte des ES-Futures kaufen. Mit einer einzigen Market Order würde er sich durch das gesamte Buch arbeiten, den Preis nach oben treiben und seinen eigenen Durchschnittspreis verschlechtern. Eine riesige Limit Order wäre für alle sichtbar, und Frontrunning-Algos würden davor kaufen.

Also baut er die Position stückweise auf, über einen Tag oder bei noch größeren Aufträgen über mehrere Wochen, mit einem Mix aus Market und Limit Orders oder mit versteckten Eisberg-OrdersVersteckte Limit Orders: Von einer großen Order ist im Orderbuch nur ein Teil sichtbar.. Je weniger andere Marktteilnehmer ihn bemerken, desto besser: Er will den Preis so wenig wie möglich bewegen und möglichst günstig kaufen.

Exkurs: Was Dark Pools sind

Dark PoolsAlternative Handelsplätze für Wertpapiere, vor allem Aktien und ETFs, in den USA von der SEC als Alternative Trading Systems beaufsichtigt. Große Marktteilnehmer handeln dort weitgehend anonym und ohne öffentliches Orderbuch. Ausgeführte Geschäfte werden gemeldet, mit Größe und Preis. sind alternative Handelsplätze für Wertpapiere, vor allem für Aktien und ETFs. In den USA werden sie von der SEC als „Alternative Trading Systems“ beaufsichtigt. ES-Futures werden dort nicht gehandelt. Im Webinar werden das Futures-Beispiel und die Dark Pools in einem Gedankengang behandelt. Hier halten wir beides auseinander: Der gemeinsame Punkt ist die Herangehensweise großer Marktteilnehmer, möglichst wenig Spuren im öffentlichen Orderbuch zu hinterlassen. Für Futures gibt es an der CME eigene Verfahren für große Aufträge, etwa Block Trades.

Dark Pools geben großen Handelsparteien die Möglichkeit, weitgehend anonym und ohne öffentliches Orderbuch zu handeln, mit möglichst wenig Einfluss auf den Preis. Auch außerbörslicher Handel kann die Preisfindung allerdings beeinflussen. Häufig läuft nur ein Teil eines großen Auftrags über Dark Pools, der Rest über die offizielle Börse. Ausgeführte Dark-Pool-Geschäfte werden gemeldet und tauchen in den Handelsdaten auf, mit Größe und Preis, aber ohne Angabe, ob die Initiative vom Käufer oder vom Verkäufer kam.

Für Trader liegt darin ein Wert: Im normalen Orderbuch weißt Du nie, ob eine Order von einem Institutionellen oder von einem größeren Privattrader kommt. Bei Dark-Pool-Daten ist das anders: „Bei Dark Pools wissen wir auf jeden Fall immer: Da sind Jungs mit großen Portemonnaies unterwegs“, sagt Oliver. Mehr zu den Daten findest Du in unserem Video-Artikel zu Dark Pools.

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Volume Profile und fairer Preis

Wichtiger als die Dark Pools selbst ist die Herangehensweise institutioneller Trader: Sie brauchen Liquidität und wollen auf Preisen handeln, die Käufer und Verkäufer als fair ansehen. Das zeigt das Volume ProfileZeigt, auf welchen Preisen innerhalb einer Zeitspanne viel oder wenig Volumen gehandelt wurde.. Es stellt nicht dar, wie viel Volumen auf welcher Kerze gehandelt wurde, sondern auf welchen Preisen innerhalb einer Zeitspanne viel oder wenig Volumen umgesetzt wurde. In der Mitte des Profils, wo viel beidseitiger Handel stattfand, findet ein großer Marktteilnehmer schnell eine Gegenpartei, ohne den Preis stark zu bewegen.

Je weiter der Kurs nach oben steigt, desto weniger Handelsinteresse gibt es. Im Premium-Bereich wird der Preis für Verkäufer attraktiv, aber immer weniger Käufer sehen ihn noch als fair. Nach unten ist es umgekehrt im Discount-Bereich. Ein Grundgedanke der Auktionstheorie: Der Preis kehrt meist zu seinem fairen Wert in der Mitte zurück. Das ist keine allgemeine Regel, der Preis kann auch einen neuen Bereich finden, etwa wenn eine Nachricht die Lage grundlegend verändert. Im Daytrading kommt eine zweite Lesart hinzu: Ein Institutioneller könnte in der Seitwärtsrange genug Position aufgebaut haben und warten, bis der Markt in den Premium-Bereich läuft. Dann legt er viele Market Orders in den Markt, bohrt sich durch den Ask und lässt den Markt ausbrechen. Das ist nur ein Blick an der Oberfläche der Auktionstheorie.

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Der DOM

Der DOM, die Abkürzung für Depth of Market, zeigt Dir die Markttiefe. Dafür brauchst Du einen Level-2-Marktdatenfeed, also einen Datenlieferanten, der zeigt, was auf den einzelnen Preisen im Markt liegt. Solche Feeds kosten Geld, kommen von der Börse und werden von verschiedenen Anbietern weitervertrieben. Ein professioneller Feed ist ratsam, weil die Anbieter durchaus Qualitätsunterschiede haben und lückenhafte Daten für diese Art zu handeln nicht taugen.

Im DOM ist die Bid-Seite blau, die Ask-Seite rot. Du siehst in Echtzeit, wie viele Kontrakte auf einem Preis liegen und wie sich der Wert ändert. Das gilt für alle gleich, standardisiert und reguliert, was für private Trader sehr vorteilhaft ist. Auffällig sind Cluster, an denen deutlich mehr Limit Orders liegen als im Durchschnitt. Was Du nicht weißt: ob der Markt dort ankommt, die Kontrakte abarbeitet und im selben Moment dieselbe Menge nachgelegt wird. Das ist die AbsorptionLimit Orders werden abgearbeitet und sofort nachgelegt, sodass der Preis nicht durchkommt..

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Die Heatmap

Die Heatmap ist eine historische Aufzeichnung des Orderbuchs. Sie macht es leichter nachzuvollziehen, was dort passiert ist, ohne dass Du jeden einzelnen Preis im Blick haben musst. Je wärmer der Farbton, desto größer die Limit Order auf dem Preis. Der große Vorteil: Du siehst, wie lange eine Order schon im Markt liegt und wie sie sich entwickelt hat.

Im Beispiel aus dem Webinar liegt eine große Order bei 5.800 schon den ganzen Tag und sogar am Vortag dort. Weil sie eine gewisse Größe hat und schon so lange liegt, spricht vieles dafür, dass sie echt ist. Ein sicheres Zeichen ist das nicht, denn eine Order lässt sich bis zur Ausführung jederzeit stornieren.

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Echte und gezeigte Orders

Die größte Kritik am Orderbuch ist zugleich einer seiner größten Vorteile: Du weißt nie vorher, ob eine Order echt ist. Es ist möglich, dass jemand eine Order über 500 Kontrakte ins Buch legt, um Handelsinteresse vorzutäuschen, und sie wieder herauszieht, sobald sich der Kurs nähert. Solange eine Order nicht ausgeführt ist, lässt sie sich jederzeit stornieren, auch von großen institutionellen Händlern. Eine sichtbare Order erzeugt trotzdem Interesse und beeinflusst die Marktteilnehmer, auch wenn sie später wieder verschwindet.

Vorsicht bei der Deutung: Dass eine Order später gelöscht wird, beweist kein Spoofing. Ob dahinter eine Täuschungsabsicht stand, lässt sich aus dem Orderbuch nicht ablesen. Spoofing ist an der CME verboten.

Man unterscheidet deshalb zwischen Orders, die sich als echt erweisen, und solchen, die es nicht sind. Im Beispiel erwies sich eine große Limit Order bei 5.780 als echt: Sie lag sehr lange im Markt, und als der Kurs dort ankam, liefen viele Market-Käufer in sie hinein, arbeiteten sie komplett ab, bohrten sich durch die Decke und stiegen auf die nächsten Preise.

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Absorption und Delta in der Heatmap

Nach der Theorie sollte der Preis bei einem ausgeglichenen Orderbuch steigen, wenn mehr Market-Käufe als Market-Verkäufe stattfinden. Das ist die Differenz, das Delta. In der Heatmap stehen weiße Blasen für Market-Käufe und türkise für Market-Verkäufe. In den meisten Aufwärtsstrecken überwiegen die weißen, in den meisten Abwärtsstrecken die türkisen.

Im Beispiel läuft es anders: Der Markt erreicht immer wieder einen Preisbereich, die weißen Blasen sind deutlich größer als die türkisen, und trotzdem kippt der Preis jedes Mal zurück. Eine mögliche Lesart des Musters: Auf der anderen Seite sitzen Limit-Verkäufer, die die Market-Käufer absorbieren und immer wieder neue Limit Orders nachlegen, wie neuen Beton auf die Decke. Das geschieht heute algorithmisch und in Millisekunden, lässt sich in der Heatmap aber im Nachhinein gut nachvollziehen. Das ist eine Deutung des Musters, kein Nachweis, wer dort handelt. Irgendwann stellt sich die Frage, welche Seite das größere Portemonnaie hat.

Heatmap des ES-Futures vom 8. Oktober 2024: Der Kurs läuft mehrfach an den Bereich um 5.790, weiße und türkise Kreise markieren Market-Käufe und Market-Verkäufe, am Ende fällt der Kurs auf etwa 5.785.
Sichtbar: Heatmap des ES vom 8. Oktober 2024. Der Kurs läuft mehrfach an den Bereich um 5.790, weiße Kreise (Market-Käufe) sind dort teils größer als die türkisen (Market-Verkäufe), der Preis kommt nicht durch und fällt am Ende auf etwa 5.785. Die Deutung im Webinar: Limit-Verkäufer absorbieren die Käufe und legen nach, irgendwann geht den Käufern die Luft aus. Das ist eine Interpretation des Musters, kein Nachweis, wer handelt. Ab Minute 51:30. Bild: WH SelfInvest Deutschland

Sind die Market-Käufer stärker und die Verkäufer können nicht mehr nachlegen, folgt häufig ein schneller Sweep nach oben durch das Buch, weil dabei viele Stop Orders ausgelöst werden. Das ist eine Tendenz, keine Gewissheit. Im Beispiel passiert das Gegenteil, und die Interpretation lautet: Den Käufern geht die Luft aus, sie sind voll investiert und können nicht mehr nachlegen. Für Market-Verkäufer ist es dann leicht, den Markt durch den dünnen Boden zu drücken. Das nennt man ExhaustionErschöpfung: Einer Seite geht die Kraft aus, sodass der Markt in die Gegenrichtung laufen kann..

Am Anfang gilt: nicht hinter jeder Ecke Absorption, eine Eisberg-Order oder Spoofing erkennen wollen. Diese Dinge passieren im Orderbuch ständig. Deshalb ist es das Wichtigste, sich vor der Session Gedanken zu machen, wo man überhaupt handeln will.

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Zuerst die Marktanalyse

Am Anfang steht die Marktanalyse: „Jeder professionelle Daytrader, den ich in meiner Karriere kennengelernt habe und der aus dem Orderbuch heraus handelt, macht sich vor seiner Session Gedanken über die Marktstruktur“, sagt Oliver Sparing. Die Methoden sind verschieden: Dealer-Hedging-Levels, Gamma- und Vanna-Levels, Dark-Pool-Levels, Fibonacci-Retracements oder klassische technische Analyse. Auch hier führen viele Wege nach Rom. Wichtig ist, dass Du Dir überlegt hast, wo institutionelles Handelsinteresse liegt und wo Deine besten Einstiegschancen sind.

Erst wenn der Markt an eine solche Zone kommt, schaust Du Dir das Orderbuch an und beobachtest, wie die Marktteilnehmer dort miteinander interagieren. Als Beispiel dient ein Aufwärtstrend mit höheren Hochs und höheren Tiefs: Der Markt durchbricht ein wichtiges Level, kommt später zu dieser Zone zurück, und Du möchtest dort in Trendrichtung ein Reversal handeln. Das gilt auf allen Zeiteinheiten, wobei das Delta auf dem Tageschart wenig bringt. Das ist etwas für das Daytrading.

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Delta als Voraussetzung für den Trade

Worauf Du an solchen Zonen zuerst achtest, ist das Delta. Jede Handelsentscheidung soll durch aktive Marktteilnehmer gestützt sein. Aktive Käufer und Verkäufer haben zwar nicht die alleinige Macht, weil sie absorbiert werden können, aber sie bewegen grundsätzlich die Preise. Wer long oder short gehen will, möchte vor dem Einstieg aktive Teilnehmer auf seiner Seite haben.

Ein Beispiel: Aktive Verkäufer drücken den Markt nach unten und werden von Limit-Käufern bedient. Vielleicht liegt dort ein Level, an dem sie absorbiert werden. Solange aber keine aktiven Käufer wieder auf der Bildfläche erscheinen und Interesse zeigen, reicht auch noch so viel Absorption nicht für einen Einstieg: „Solange die nicht da sind, kann sonst wie viel absorbiert werden, ich würde niemals einen Trade eingehen“, sagt Oliver.

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Fünf Faktoren vor jedem Trade

Noch wichtiger als die aktiven Teilnehmer ist, was die passiven tun. Das ist sehr umfangreich und komplex. Zum Schluss gibt es fünf Faktoren, die in der Ausbildung vermittelt werden und über die man sich vor jedem Trade Gedanken macht.

  • Aktive Marktteilnehmer Was macht das Delta?
  • Passive Marktteilnehmer Wie verschieben sich die Limit Orders im Buch? Hier ist die Heatmap im Vorteil, weil sie aufzeichnet, wann Orders erscheinen, herausgezogen oder verschoben werden.
  • Markt- und Auktions­geschwindigkeit Die Marktgeschwindigkeit sagt, wie schnell sich der Markt von Preis zu Preis bewegt, die Auktionsgeschwindigkeit, wie viele Orders in welcher Frequenz durch das Buch laufen. Hier ist der klassische DOM im Vorteil.
  • Price Action und Marktstruktur Wo liegen markante Hochs und Tiefs, auf übergeordneten Zeiteinheiten wie in der Mikrostruktur?
  • Orderflow-Ereignisse Gab es Absorption, Eisberg-Orders, Stopruns, Exhaustion oder einen Sweep? Wurden Marktteilnehmer in ihren Stops erwischt?

Anfangs kannst Du diese Punkte vor dem Trade im Kopf durchgehen oder sogar aufschreiben, was Du gesehen hast. Auf dieser Grundlage treffen Orderbuch-Trader ihre Handelsentscheidung. Das alles ist nur grob und soll einen ersten Eindruck vermitteln.

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Fragen aus dem Chat

Sieht man im DOM nur die Limit Orders oder auch die Market Orders? Die Antwort im Webinar: grundsätzlich nur die Limit Orders. Je nach DOM lässt sich allerdings einstellen, dass in der Mitte angezeigt wird, wie viel auf den einzelnen Preisen tatsächlich gehandelt wurde. Der Footprint-Chart geht einen Schritt weiter und zeigt pro Kerze, wie viele Orders auf welchen Preisen gehandelt wurden. Das ist ein anderes Thema.

Eine Buchempfehlung speziell zum Orderbuch gibt es im Webinar nicht: Das Grundlagenbuch „Das komplette Börsengrundwissen“ ist dafür zu allgemein, und auch Moderator Stefan Fröhlich kennt keines. Zum Orderbuch-Handel sagt Oliver: „Es ist ein Handwerk, und ich bin fest davon überzeugt, dass es jeder lernen kann. Es ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber man sollte es schon als Berufsausbildung betrachten. Es gibt wirklich viele tolle Leute da draußen, die das gut machen.“

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Was Du aus dem Webinar mitnehmen kannst

  • Preise bewegen sich, wenn Market Orders Limit Orders abarbeiten. Decke und Boden sind unterschiedlich dick, und Du siehst nie sicher, wie viel dahinter nachgelegt wird.
  • Heatmap und DOM sind Werkzeuge, keine Lager. Sie zeigen dieselben Daten auf unterschiedliche Weise, ergänzen sich, und Du entscheidest, womit Du besser zurechtkommst.
  • Das Orderbuch kommt nach der Marktanalyse. Du schaust es Dir an, wenn der Markt in eine Zone läuft, die Du vorher über institutionelles Handelsinteresse bestimmt hast.
  • Fünf Faktoren vor jedem Trade. Aktive und passive Marktteilnehmer, Markt- und Auktionsgeschwindigkeit, Price Action und Orderflow-Ereignisse gehst Du durch, bevor Du einsteigst.

„Zu jedem Geschäft, das an der Börse stattfindet, gehören immer zwei Seiten, ein Käufer und ein Verkäufer.“

Oliver Sparing im WH-SelfInvest-Webinar
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Über das Webinar

Das Webinar lief am 10. Oktober 2024 auf dem YouTube-Kanal von WH SelfInvest Deutschland, moderiert von Stefan Fröhlich. WH SelfInvest ist ein Broker. Oliver ist dort regelmäßig zu Gast; alle Auftritte findest Du auf unserer Seite Zu Gast bei.

Hinweis: Das Video ist eine Aufzeichnung aus dem Jahr 2024. Marken- und Firmennamen sowie Angebote im Video entsprechen dem damaligen Stand.

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Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Heatmap und DOM?

Der DOM ist das klassische Orderbuch und zeigt in Echtzeit, wie viele Limit Orders auf den einzelnen Preisen liegen. Die Heatmap zeichnet das Orderbuch über die Zeit auf: Je wärmer der Farbton, desto größer die Order, und Du siehst, wie lange sie schon liegt. Beide zeigen im Grunde dieselben Daten, aber auf andere Weise, und ergänzen sich.

Warum steigt der Preis nicht, obwohl mehr Market-Käufe stattfinden?

Auf der Gegenseite können Limit-Verkäufer die Market-Käufer absorbieren: Sie legen jedes Mal neue Limit Orders nach, sobald die vorhandenen abgearbeitet sind. Der Preis kommt dann nicht durch, bis einer Seite die Kraft ausgeht. Das ist eine Lesart des Musters; aus den Orderbuchdaten allein lässt sich nicht erkennen, wer dort handelt.

Kannst Du jeder Order im Orderbuch trauen?

Nicht ohne Weiteres. Solange eine Order nicht ausgeführt ist, lässt sie sich jederzeit stornieren. Bei einer großen Order, die schon lange im Markt liegt, spricht vieles dafür, dass sie echt ist, ein sicheres Zeichen ist das aber nicht. Dass eine Order verschwindet, beweist außerdem kein Spoofing: Ob dahinter eine Täuschungsabsicht stand, lässt sich aus dem Orderbuch nicht ablesen. Spoofing ist an der CME verboten.

Was haben Dark Pools mit dem Orderbuch zu tun?

Dark Pools sind alternative Handelsplätze für Wertpapiere, vor allem Aktien und ETFs; ES-Futures werden dort nicht gehandelt. Gemeinsam mit dem Orderbuch ist die Herangehensweise großer Marktteilnehmer, möglichst wenig Spuren im öffentlichen Orderbuch zu hinterlassen. Ausgeführte Dark-Pool-Geschäfte werden gemeldet und tauchen in den Handelsdaten mit Größe und Preis auf, aber ohne Angabe, ob die Initiative vom Käufer oder vom Verkäufer kam.

Oliver Sparing
Oliver Sparing
Gründer & Head of Trading · TradeNeon
Oliver Sparing handelt seit 2011 aktiv an den Finanzmärkten. Seine beruflichen Wurzeln liegen im Edelmetallhandel in Hamburg; 2017 lernte er an einem Londoner Trading Floor. Bei TradeNeon leitet er die Daytrading- und die Swingtrading-Ausbildung und verantwortet die fachliche Entwicklung der Trading-Methodik, mit Schwerpunkt auf Orderflow, Marktstruktur und fundamentalen Marktdaten. Daraus sind Level of Interest, Futures Insights und Lab of Trades entstanden. Plattformen wie ATAS, Bookmap und WH SelfInvest laden ihn regelmäßig als Gast ein. Alle Auftritte